Statement anlässlich der Enthüllung der Info-Stele für Friedel Heymann

Stele_Heymann<Es gilt das gesprochene Wort>

Nach dem Krieg versuchte der für die widerrechtliche Hinrichtung Friedel Heymanns Hauptverantwortliche vor dem Würzburger Landgericht das Motiv für sein Handeln zu rechtfertigen. Er erklärte: „Wir mussten ein Exempel statuieren!“ Und: „Ein Offizier musste es sein“!

Nichts entlarvt so schonungslos Zynismus und Unmenschlichkeit der Täter wie dieser Erklärungsversuch! Nicht um ein – wie immer geartetes – angebliches Recht oder Unrecht ging es diesen so genannten „Richtern“. Nein! – Angst und Schrecken sollten unter Bevölkerung und Soldaten verbreitet werden, um sie zum Weitermachen in einem militärisch und moralisch längst verlorenen Krieg zu bewegen. Nur darum ging es!

Man muss sich das einmal vorstellen: Von Januar bis Mai 1945 starben mehr Deutsche, als in den fünf Kriegsjahren zuvor zusammengenommen! 300.000 Kinder verloren ihre Eltern. Das bedeutet, dass jeder Tag, ja, jede Stunde, um die dieser sinnlose Krieg verkürzt wurde, Tausende von Menschenleben rettete! Wie jemand vor diesem Hintergrund im Nachhinein das Weiterkämpfen in dieser Situation zur „vaterländischen Pflicht“ erklären kann, ist mir unerfindlich! Das sinnlose Leiden und Sterben Tausender Männer, Frauen und Kinder als „vaterländische Pflicht“? In welchem Vaterland leben Menschen, die so etwas glauben?

Friedel Heymann war einer von 23.000 zumeist jungen deutschen Wehrmachtssoldaten, die als angebliche Deserteure hingerichtet wurden. Und es ist kein Ruhmesblatt der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass es 57 Jahre dauerte, bis der deutsche Bundestag alle Urteile der „Militärgerichte“ gegen so genannte „Deserteure“ pauschal als Unrechtsurteile aufhob. Dieser Parlamentsbeschluss wurde von einigen Unbelehrbaren als „Schande“ bezeichnet. Ich sage: Nicht dieser Beschluss war eine Schande, sondern die Tatsache, dass er so spät kam! Immerhin durfte es Friedel Heymanns Witwe noch einige Jahre vor ihrem Tod erleben, dass ihr die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg im April 2004 schriftlich und offiziell bestätigte, dass das Urteil gegen ihren Mann aufgehoben ist – fast 60 Jahre nach seinem Tod!
2013 haben wir einen „Stolperstein“ für Friedel Heymann vor seinem letzten Wohnsitz in Schweinheim in der Freundstraße 20 verlegt.
Zahava Stessel, der als 14 Jähriger die Hölle von Auschwitz überlebt hat, sagte 2003 in einem Interview:
„Wenn Du es nicht erzählst, wenn Du es nicht niederschreibst wie es ist, ist es, als ei es niemals geschehen“
Aber es  i s t  geschehen!
Hier!
Und weil es geschehen ist, kann es wieder geschehen!
Und weil es wieder geschehen kann, sind wir – wir alle, jeder einzelne von uns, bei unserem Leben dazu verpflichtet, alles in unserem Vermögen stehende zu tun, um zu verhindern, dass jemals wieder Rechtlosigkeit, Gewalt und Terror die Oberhand gewinnen können!
Von diesem Ort geht am heutigen Tag eine Botschaft aus an die Täter von damals – und an ihre geistigen Erben und Nachfolger!
Ihr hattet die Macht!
Ihr konntet Friedel Heymann das Leben nehmen.
Die Ehre nicht!

0-0-0-0-0-0-0-0-

Frank Sommer
Mitglied des Beirates „Förderkreis Haus Wolfsthalplatz“
Aschaffenburg, Herstallstraße 5 am 17. Oktober 2016

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Dieser Beitrag wurde unter Statements abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.